(de) Im Einklang mit seinem umfassenden Ansatz und der Ablehnung jeglicher Art von „Pseudo-Spezialisierung“ betrachtet die Soziologie von Norbert Elias das Politische kaum als eigenständigen Bereich oder autonomes Untersuchungsfeld. Natürlich gibt es eine generelle Anerkennung, dass sich einige Schriften seines Werkes expliziter politischen Fragen widmen: Diese sind Über den Prozeß der Zivilisation, Studien über die Deutschen, zusammen mit einigen späteren Essays wie „Die Fischer im Mahlstrom“, die sich mit den internationalen Beziehungen im Kontext des Kalten Krieges beschäftigen. Oft zitiert wurde auch aus Die Gesellschaft der Individuen das Kapitel „Wandlungen der Wir-Ich-Balance“, welches nach wie vor von aktuellem Interesse ist und die postnationale Integration und gegenwärtige damit im Zusammenhang stehende Themen wie die Europäische Union und Effekte des Hinterherhinkens des nationalen Habitus behandelt. In dem Maße, in dem sie historische Modelle vorschlagen, die zur Charakterisierung realer sozialer Situationen dienen, verweisen allerdings selbst die abstraktesten Teile seines Werks – wie die Spielmodelle – auf die verflochtene Entwicklung politischer Strukturen und Institutionen mit anderen Aspekten des menschlichen Lebens. Solche Modelle sind keine fiktionsähnlichen Abstraktionen, deren Zweck es ist vor- oder apolitische Situationen mit politischen Situationen zu kontrastieren – wie wir das beispielsweise bei Denkern wie Locke und Hobbes bis zu Carl Schmitt finden. Deshalb denken wir, dass Elias’ Soziologie, sofern sie geschichtliche Phänomene – empirisch und „realitätskongruent“ – untersucht, tatsächlich für sich eine politische Soziologie konstituiert.
Delmotte, F., & Majastre, C. (2017). Das Politische und der Staat, oder warum ersteres nicht auf letzteres reduziert werden kann. Über Elias’ „Etatismus“ (Teil 2 / 2). In Erik Jentges (Hrsg.) (ed.), Das Staatsverständnis von Norbert Elias (p. p. 103-122). Nomos. https://hdl.handle.net/2078.5/176789