Wird der Narzissmus der frühen Helden Manns im Spätwerk modifiziert oder gar überwunden? Eine Untersuchung anhand von Thomas Manns "Doktor Faustus"

HÖLTSCHI, Vera
(2018) Narzissmus im Werk Thomas Manns — Location: Düsseldorf (23.March.2018)

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  • HÖLTSCHI, VeraUSL-B
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Der folgende Beitrag konzentriert sich auf den ästhetischen Narzissmus im Gegensatz zum psychoanalytischen Narzissmus1 bei Thomas Mann. Der Schriftsteller hat den Narziss-Mythos in vielen Geschichten verarbeitet. Buddenbrooks. Verfall einer Familie (1901) und Der Tod in Venedig (1912), die eine Jünglingsfigur als Zentralfigur einsetzen, enthalten leicht erkennbare Bezüge auf den Narziss- Mythos.2 Bekannt ist, dass der Narzissmus im Frühwerk besonders ausgeprägt ist, jedoch kommt das Thema durchaus auch im Spätwerk vor. Meistens wird Felix Krull (1954) als Beispiel zitiert und untersucht. Aber auch der Roman Doktor Faustus (1947) ist in diesem Zusammenhang relevant: Anders als im Tod in Venedig fällt der Begriff ‚Narziss‘ zwar in seinem Altersroman nie, aber dessen Künstler- Genie Adrian Leverkühn assoziiert der Leser gern damit. Schon die Tatsache, dass Thomas Mann überhaupt einen Faust geschrieben hat, lenkt die Aufmerksamkeit auf das Narzissmus-Thema: Sich an Goethe heranzuwagen, deuten manche Forscher bereits als Zeichen des Narzissmus eines Autors.3 Wie auch immer man sich dazu positioniert – dieser Beitrag soll sich auf den ästhetischen Narzissmus begrenzen – könnte dies dazu beigetragen haben, wie Mann seine Faustfigur gestaltet hat und ihr narzisstische Züge zugeschrieben hat. Adrian möchte sich nämlich in einer Sache – als Künstler – von den anderen Menschen abgrenzen. Die Faustfigur ist selbstverliebter als bei Goethe oder Heine, bei denen (vor allem bei Letzterem) das Erotische besonders im Vordergrund steht. Der hochbegabte Leverkühn wird mehrfach im Werk als ‚gescheit‘ und ‚intelligent‘ qualifiziert, aber ist menschlich kalt – zum Beispiel darf ihn kaum eine Figur duzen. Er verschreibt seine Seele dem Teufel und muss auf jegliche Liebe verzichten, damit er während 24 Jahren grundlegend Neues im Bereich der Musik erreichen kann. Der besessene Komponist verhält sich asozial zugunsten des Erfolges. Im Einklang mit dem Narziss-Mythos erlebt der männliche Protagonist das Scheitern der Liebe und stirbt einen tragischen Tod. Wie in den Beispielen aus dem Frühwerk geht es zwar im Doktor Faustus um den Verfall einer Figur, die sich aber nicht für andere interessiert, ja den Narzissmus isoliert auslebt. Die Auseinandersetzung mit dem Faust deutet insgesamt darauf hin, dass der Narzissmus der frühen Helden Thomas Manns nicht überwunden, sondern modifiziert wird. 1 Vgl. Shuangzhi, Li: Ästhetischer Narzissmus in der deutschen Literatur um 1800 und 1900. Stuttgart 2016, S. 59. [https://doi.org/10.1007/s41244-016-0002-x], Siehe auch Manfred, Dierks: Blatt Ia/20 in der XI. Mappe. Was ich Thomas Mann, Freud und diesem Blatt verdanke. In: Mauser, Wolfram / Pietzcker, Carl (Hgg.), Literatur und Psychoanalyse. Erinnerungen als Bausteine eine Wissenschaftsgeschichte. Würzburg 2008, S. 173-190. 2 Vgl. Shuangzhi, Li: Die Narziss-Jugend. Eine poetologische Figuration in der deutschen Dekadenz-Literatur um 1900 am Beispiel von Leopold von Andrian, Hugo von Hoffmannsthal und Thomas Mann. Heidelberg 2013, S. 32 f. 3 Siehe dazu Hans, Wysling: Narzissmus und illusionäre Existenzform. Zu den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull. Frankfurt am Main 1995, S. 213-223.
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Citations

HÖLTSCHI, V. (2018). Wird der Narzissmus der frühen Helden Manns im Spätwerk modifiziert oder gar überwunden? Eine Untersuchung anhand von Thomas Manns “Doktor Faustus”. Narzissmus im Werk Thomas Manns, Düsseldorf. https://hdl.handle.net/2078.5/227510