Die Vorzüge des konstruktionistischen Ansatzes gelten in der Beschreibung von Phänomenen, bei denen eine projektionistische Analyse häufig an ihre Grenzen stößt. Dies ist z. B. der Fall bei freien Dativen (Ich backe ihm einen Kuchen), kompakten Konstruktionen (Das Auto ratterte durch die kleinen Straßen ), Resultativkonstruktionen (Er trank das Glas leer) oder verblosen Direktiva (Raus mit der Sprache!) (vgl. u. a. Eroms 2012; Jacobs 2008; Welke 2009, 2011). Ein weiterer Vorteil des Konstruktionsmodells ist die Postulierung abstrakter Konstruktionen und die Konzeptualisierung des Lexikon-Syntax-Kontinuums, das es ermöglicht, freie und phraseologische Instanziierungen derselben abstrakten Konstruktion einheitlich zu beschreiben (für eine Analyse der ditransitiven Konstruktion im Deutschen, Französischen und Italienischen vgl. De Knop / Mollica 2016). Jedoch reicht in einigen Fällen ein rein konstruktionistischer Ansatz nicht aus, um die Idiosynkrasien der Sprachen zu erfassen. Dass die Konstruktionsgrammatik durch das Valenzkonzept erweitert werden müsste, wurde bereits u. a. von Herbst (2011) und Stefanowitsch (2011) erläutert. Jedoch müssten bei einer konstruktionistischen Analyse auch sprachtypologische und Lexikalisierungspräferenzen verstärkt berücksichtigt werden. Das ist etwa der Fall bei verblosen Direktiva, die im Französischen und Italienischen zwar existieren, aber weniger als im Deutschen gebraucht werden und daher nicht als völlige Äquivalente des deutschen Konstruktionstyps betrachtet werden können (De Knop / Mollica 2019). Dies lässt sich dadurch erklären, dass romanische Sprachen eher verbenthaltende Strukturen privilegieren. Auf dieselbe Weise existiert im Französischen, Italienischen und Deutschen eine ähnliche Konstruktion und zwar fr. [X KOPULA mort de Y] bzw. it. [X KOPULA morto di Y] und dt. [X KOPULA tot vor Y], die wie folgt paraphrasiert werden kann: X empfindet den Zustand, die Emotion, das Gefühl Y so stark, dass er fast den Eindruck hat, er könnte sterben. Diese Konstruktion ist aber im Deutschen nicht so frequent. Im Gegensatz zu den romanischen Sprachen, die eine analytische Ausdrucksweise mit syntaktischen Strukturen mit Nominalphrasen bevorzugen, privilegiert die deutsche Sprache eher synthetische Ausdrucksweisen (siehe u. a. Primus 1997, Siemund 2004), etwa mit Komposita oder Ableitungen (z. B. frz. Il est mort de faim / soif vs. dt. Er hat einen Riesenhunger/Bärenhunger/ Riesendurst/Höllendurst, vgl. De Knop / Mollica 2018). In unserer Präsentation werden wir uns mit solchen und weiteren Fällen beschäftigen, wie z. B. auch mit den pleonastischen Adverbialen (Olsen 1996), bei denen ein Richtungsadverbial durch ein Pronominaladverb wiederaufgenommen und verstärkt wird, wie etwa in Die Mutter setzte das Kind auf das Pferd drauf. Neben der Frage, wie solche Strukturen im Französischen und Italienischen widergegeben werden können, befassen wir uns auch mit dem Status und der Funktion des Pronominaladverbs (u.a. Ist es valenzabhängig oder nicht? Welche Rolle übt es in dieser Konstruktion aus?) und mit den Kombinationsmöglichkeiten [Richtungsadverbial + Pronominaladverb]. Literatur De Knop, Sabine / Mollica, Fabio (2016): „A construction-based study of German ditransitive phraseologisms for language pedagogy”. In Sabine De Knop / Gaëtanelle Gilquin (Hrsg): Applied Construction Grammar. Berlin: New York: de Gruyter Mouton, 53-87. De Knop, Sabine / Mollica, Fabio (2018): „Kausale Strukturen mit einem Adjektiv zwischen Konstruktionen und Phrasemen“. In Alexander Ziem (Hrsg.): Linguistik-Online. Muster im Sprachgebrauch: Construction Grammar meets Phraseology, 90/3, 21-45. https://bop.unibe.ch/linguistik-online/article/view/4317. De Knop, Sabine / Mollica, Fabio (2019): „Verblose Direktiva als Konstruktionen: ein kontrastiver Vergleich zwischen Deutsch, Französisch und Italienisch“ In Jürgen Erfurt / Sabine De Knop (Hrsg.): Konstruktionsgrammatik und Mehrsprachigkeit, Osnabrücker Beiträge zur Sprachtheorie 94, 27-148. Eromos, Hans-Werner (2012): „Die Grenzen der Valenzen“. In Klaus Fischer / Fabio Mollica (Hrsg.): Valenz, Konstruktion und Deutsch als Fremdsprache. Berlin: Peter Lang, 25-46. Herbst, Thomas (2011): „The Status of Generalizations”. In Thomas Herbst / Anatol Stefanowitsch (Hrsg.): Argument Structure – Valency and/or Constructions? ZAA: Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik LIX/4, 347-367. Jacobs, Joachim (2008): „Wozu Konstruktionen?“ Linguistische Berichte 213, 3-44. Olsen, Susan (1996): „Pleonastische Direktionale“. In Gisela Harras / Manfred Bierwisch (Hrsg.): Wenn die Semantik arbeitet: Klaus Baumgärtner zum 65. Geburtstag. Tübingen: Niemeyer, 303-329. Primus, Beatrice (1997): „Der Wortgruppenaufbau in der Geschichte des Deutschen: Zur Präzisierung von synthetisch vs. analytisch“. Sprachwissenschaft 22, 133–159. Siemund, Peter (2004): „Analytische und synthetische Tendenzen in der Entwicklung des Englischen“. In Uwe Hinrichs / Uwe Büttner (Hrsg.): Die europäischen Sprachen auf dem Wege zum analytischen Sprachtyp. Wiesbaden: Harrassowitz, 169–196. Stefanowitsch, Anatol (2011): “Argument Structure: Idem-based or Distributed?“. In Thomas Herbst / Anatol Stefanowitsch (Hrsg.): Argument Structure – Valency and/or Constructions? ZAA: Zeitschrift für Anglistik und Amerikanistik LIX/4, 369-386. Welke, Klaus (2009a): „Valenztheorie und Konstruktionsgrammatik“. Zeitschrift für Germanistische Linguistik 37/1, 81–124. Welke, Klaus (2011): Valenzgrammatik des Deutschen. Eine Einführung. Berlin: Walter de Gruyter.
De Knop, S., & Mollica, F. (2019). Sprachtypologie und Lexikalisierungspräferenzen: ergänzende Ansätze zur Konstruktionsgrammatik. XXXVI. Romanistentag an der Universität Kassel, Wiederaufbau, Rekonstruktion, Erneuerung., Kassel (Germany). https://hdl.handle.net/2078.5/170100