Das Ethos des Denkens, ein Ethos der Muße. Überlegungen im Anschluss an Heidegger und Schelling
Gourdain, Sylvaine
(2017) Anthropologie der Theorie, éd. par Thomas Jürgasch, Tobias Keiling — p. 275-293 (2017)
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Gourdain, SylvaineUSL-B
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Das Ethos des Denkens, wie es aus Heideggers und Schellings Konzeptionen hervorgeht und das hier erläutert wird, gründet auf einem grundsätzlichen Paradox. Denn mit dem Gedanken eines Ethos des Denkens geht es darum, im Denken selbst einen Raum für das „Unvordenkliche“ freizuschaffen, für dasjenige, das sich dem Zugriff des Denkens entzieht, weil es ihm vorausgeht. Im ersten Schritt meines Beitrags konzentriere ich mich auf Heideggers Ansatz und weise dabei eine Nähe zum späten Schelling auf. Ab Mitte der dreißiger Jahre versucht nämlich Heidegger, auf die transzendentale Dimension des Denkens zu verzichten, um das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem, was ist, in einer neuen Weise zu konzipieren. Allein ein nicht transzendentales Denken ist imstande, das, was dem Denken vorausgeht und auf dem das Denken beruht, in sich selbst aufzunehmen, ohne es mit begrifflichen Mitteln aufzulösen oder gar zu zerstören. Diese Form des Denkens, die eine Antwort auf Heideggers Suche nach einer geeigneten Haltung des Menschen zur Welt liefert, macht – wie ich es ausführe – ein nicht normatives Ethos aus. Dass im Gedanken eines solchen Ethos Heideggers und Schellings Denken konvergiert wird in einem zweiten Schritt entwickelt. Der dritte Schritt ist der Versuch, über Heidegger und Schelling hinausgehend zu zeigen, inwiefern dieses Ethos als ein Ethos der Muße beschrieben werden kann. In einer Gesellschaft, in der die Natur geplündert und instrumentalisiert wird, in der unsere Existenz durch Hektik, Stress, und Konkurrenz bestimmt wird, in der Leistung, Produktivität und Quantität als die obersten Kriterien gelten, könnte das Ethos der Muße, des Seinlassens und der Liebe, eine Alternative anbieten, in der das Schöne und das Nutzlose wieder einen zentralen Platz bekommen. Ein solches Denken der Muße orientiert sich an dem Sinn der Dinge, aber auch an dem Sinn unserer Existenz und der Welt insgesamt, anstatt sich primär nach dem Maßstab der Nützlichkeit zu richten. So lohnt es sich, Heideggers und Schellings Überlegungen über das Ethos – insbesondere über das Lassen, die Gelassenheit, die Armut des Denkens und nicht zuletzt über die Liebe – als Ansätze zu einem Denken der Muße zu lesen, um in heutiger Zeit ein anderes Verständnis der Welt und des Individuums jenseits des Zwangs nach Effizienz, Produktivität und Leistung zu eröffnen.
Gourdain, S. (2017). Das Ethos des Denkens, ein Ethos der Muße. Überlegungen im Anschluss an Heidegger und Schelling. Anthropologie der Theorie, éd. par Thomas Jürgasch, Tobias Keiling, 275-293. https://hdl.handle.net/2078.5/181280 (Original work published 2017)