Sechs Monate vor ihrem Tod, am 12. Januar 1971, klebt die Schriftstellerin Thea Sternheim in ihr Tagebuch einen in der Welt erschienenen Artikel von Willy Haas zum 100. Geburtstag von Franz Blei ein. Auch wenn sie mit dem Alter feststellen muss, „wie die Erinnerungen schliesslich zusammenhangs[l]os werden, sich verwirren“, bestätigt sie trotzdem nochmal wie „wesentlich“ und „unvergessen“ (Tagebucheintrag vom 09.01.1965) in ihrem Leben der Freundes- und Bekanntenkreis ihrer Berliner Jahre vor dem Exil nach Paris, zu dem Blei, Max Reinhardt, Gottfried Benn oder Franz Pfemfert gehörten, gewesen ist. Die ausführliche Suche nach den manchmal bissigen Bemerkungen und Kommentaren zu Franz Blei in den Tagebüchern Thea Sternheims, vom Kennenlernen 1907 bis zu den Exiljahren, will einen ergänzenden Einblick in Bleis Biographie liefern, vor allem was die Bildung von intellektuellen Netzwerken um die Beziehung von Blei und Carl Sternheim angeht. Ausgehend von der Zusammenarbeit um die Zeitschrift Hyperion (1908-1910) bis zu den entworfenen Projekten in den Jahren des Ersten Weltkriegs, die das Ehepaar Sternheim in gutem Maße in und um Brüssel verbrachten, lässt sich die Kontinuität der Intention einer deutsch-französischen Kulturvermittlung gut erkennen.
Roland, H. (2024). Franz Blei aus der Sicht der Tagebücher Thea Sternheims im Kontext des deutsch-französischen Kulturaustauschs ihrer Zeit. In Helga Mitterbauer (Hg.) (ed.), Franz Blei: Ideen - Werk - Netzwerk (p. p. 279-296). Frank & Timme. https://hdl.handle.net/2078.5/236975