Illusion der Ähnlichkeit und Funktionalisierung der Differenz in exemplarischen Werken des literarischen Primitivismus der Avantgarden

(2024) Lektüren der Ähnlichkeit um 1900. Modi der Sinnerzeugung in der klassischen Moderne — ISBN: [978-3-8498-1930-9], p. 203-224, published

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PrimitivismusundÄhnlichkeit2024.docx
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Die Frage, ob der literarische Primitivismus als Manifestation und Poetik des Ähnlichkeitsdenkens angesehen werden kann, bedarf einer nuancierten Evaluierung, die auf breiterer Grundlage, vor allem auch auf Texten der Gegenwart, die noch Züge des Primitivismus tragen, fortgesetzt werden sollte. Da es hier belegt wurde, dass der Primitivismus als Verfahren zum großen Teil durch das Prinzip der Identifikation wirkt, versucht er meines Erachtens wohl, „[…] dem Moment des Ineinandergreifens, der Überlappungen und Abstufungen in kulturellen Zusammenhängen Rechnung zu tragen“.62 Eine solche Geste interkultureller Prägung innerhalb der europäischen Gesellschaften in der Epoche des Kolonialismus ist beachtenswert insbesondere vor dem Hintergrund des antikolonialistischen Engagements von Yvan und Claire Goll, das aber nicht unbedingt repräsentativ für alle Vertreter des Primitivismus ist. Folgende grundlegende Probleme stehen aber im Wege einer integrativen Deutung im Sinne einer tiefgreifenden interkulturellen Verständigung und Konfliktlösung in der Textkonstellation des Primitivismus. Sie beziehen sich auf die Frage danach, „in welchem Funktionsverhältnis sich Ähnlichkeit, Identität und Differenz denken und verwenden lassen“.63 Dass die Idee des Primitiven auf die Regenerierung eines wegen Modernität, Rationalität und Fortschritt kranken oder dekadenten europäischen Kontinents angewiesen ist, ist ebenso fragwürdig wie die Tatsache, dass die zugrundeliegende Logik dieser Argumentation das „Primitive“ im Modus der Aneignung als Projektionsfläche gestaltet, ohne dem wechselseitigen Standpunkt und der Stimme des Anderen eine Substanz zu verleihen. Mit anderen Worten ist die die Anerkennung der anderen Kultur durch bestimmte Erwartungen bzw. durch bestimmte Eigenschaften bestimmt. Dazu gehören regressive Züge, die auf der Polarität krank/gesund, korrupt/naiv, zivilisiert/authentisch basierend dem Motto „wild, irre, rein“ entsprechen und die Verwandtschaft mit den Europäern fundieren. Den von den Figuren von Robert Müller skizzierten „Stand der Tropen“ haben sie „damals in sich getragen“, ja die Tropen seien die „Kinderschuhe der Menschheit“.64 Dass der Primitivismus wegen partieller und mangelnder Anerkennung der anderen Kultur nun allein eine Illusion der Ähnlichkeit schaffe, muss vielleicht nach weiterer Untersuchung zu der Komplexität der literarischen Verfahren (unter anderem der Ironie), die der Primitivismus verwendet, bestätigt werden, eine Analyse, die auch den Prozess eines „gesunden Maßes an Indifferenz gegenüber der Differenz“65 im Dienste des Ähnlichkeitsparadigmas hervorrufen könnte.
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Citations

Roland, H. (2024). Illusion der Ähnlichkeit und Funktionalisierung der Differenz in exemplarischen Werken des literarischen Primitivismus der Avantgarden. In Dominik Zink, Matthias Bauer und Nadjib Sadikou (ed.) (ed.), Lektüren der Ähnlichkeit um 1900. Modi der Sinnerzeugung in der klassischen Moderne (p. p. 203-224). Aisthesis Verlag. https://hdl.handle.net/2078.5/233783