‘Hitzefrei’, ‘Rabenmutter’ und ‘Fremdbestimmung’: Über schwer zu übersetzende deutsche Sprachzeichen

(2007) 34. Jahrestagung des Belgischen Germanisten- und Deutschlehrerverbands (BGDV), “Varietäten der deutschen Gegenwartssprache” — Location: Universiteit Antwerpen (12.May.2007)

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Immer wieder werden Deutschlerner mit komplexen deutschen Sprachzeichen wie etwa hitzefrei, Rabenmutter oder Feierabend konfrontiert, die zum aktiven Wortschatz der deutschen Sprachgemeinschaft gehören, für Ausländer aber nicht ohne weiteres verständlich sind. Einer der Gründe dafür ist, dass solche Bildungen nicht transparent sind, d.h. dass sie sich nicht allein aufgrund der Bedeutung ihrer Konstituenten und der zugrundeliegenden Wortbildungsmodelle interpretieren lassen. Darüber hinaus haben die Verständnisschwierigkeiten aber auch noch einen anderen, spezielleren Grund: Solche komplexen Bildungen bezeichnen nämlich Realien, die in der Sprachgemeinschaft der Lerner entweder gar nicht vorhanden sind oder dort zumindest nicht versprachlicht werden. Das Sprachzeichen hitzefrei z.B. gehört zum spezifisch deutschen Schulalltag; es bezeichnet das Ausfallen von Unterrichtsstunden, wenn die Temperatur der Klassenräume im Sommer eine gewisse Obergrenze überschreitet. Da es diese Regelung an französischen, belgischen und niederländischen Schulen nicht gibt, verfügen Sprecher des Französischen und Niederländischen von ihrer Muttersprache her auch nicht über äquivalente Sprachzeichen. Im großen Pons Übersetzungswörterbuch für Experten und Universitäten Deutsch-Französisch (1999) wird folglich auch keine Übersetzung für hitzefrei angeboten, sondern werden kontext- und registergebundene Paraphrasen vorgeschlagen wie etwa ‚les cours sont suspendus à partir de 11 heures en raison de la chaleur’ für um 11 Uhr ist hitzefrei und ‚super, on n’a plus classe, il fait trop chaud’ für juhuu! hitzefrei. Ein anderes Beispiel, das in der aktuellen Diskussion um die Kinderbetreuung in Deutschland immer wieder vorkommt, ist Rabenmutter. Eine wörtliche Übersetzung als mère corbeau würde für Französischsprachige keinen Sinn ergeben. Teilhaber der deutschen Sprachgemeinschaft können bei Interpretation und Gebrauch solcher Sprachzeichen dagegen auf eine ganze Reihe bekannter Wissenselemente zurückgreifen; „[a]ls Mitglieder einer kulturellen Gemeinschaft ist uns [Deutschen] schlieβlich auch der kulturelle Hintergrund bekannt“ (Pörings/Schmitz 2003: 65). Entsprechendes gilt für manche Alltagsgegenstände wie etwa Adventsplätzchen, die in Deutschland in der Adventszeit zu kaufen sind, im französischen Sprachraum aber weitgehend unbekannt sind, die ostdeutsche Weihnachtspyramide und das Räuchermännchen. Es stellt sich die Frage, wie Deutschlerner die Bedeutung solcher schwer übersetzbarer Sprach-zeichen erfassen können und welche didaktischen Methoden Lehrende anwenden können, um ihre Bedeutung „erkennbar“ (Pörings/Schmitz 2003: 65) zu machen. Der Rückgriff auf eine Übersetzung kommt nicht in Frage – sei es weil sie nicht vorhanden ist oder weil (wie bei Rabenmutter) eine wortwörtliche Übersetzung nicht weiterhelfen würde. Tatsächlich lassen sich die Gebrauchsweisen solcher Sprachzeichen nur ausgehend von bestimmten konkreten Situationen im deutschsprachigen Raum erklären. Diese Situationen haben etwas mit Alltagserfahrungen zu tun, aber auch mit einer bestimmten Realitätswahrnehmung und mit den Ideologien, die im öffentlich-politischen Diskurs der betreffenden Sprachgemeinschaft im Umlauf sind. Letzteres wird besonders deutlich im Falle von Rabenmutter, das im Mittelpunkt der Debatte über die gesellschaftliche Rolle der Frau steht: In Teilen der deutschen Öffentlichkeit ist die Berufstätigkeit der Mutter oft noch verpönt, und im Sprachgebrauch dieser Kreise bezeichnet Rabenmutter dann auch eine Mutter, die im Interesse ihrer Berufstätigkeit die Kindererziehung vernachlässigt. In unserem Beitrag möchten wir uns mit Komposita (bzw. gelegentlich Derivationen) befassen, die typisch deutsche Realien bezeichnen und die meistens noch nicht im Wörterbuch zu finden sind – oder deren Eintrag im Wörterbuch dem Fremdsprachenlerner nicht weiterhilft wie etwa im Falle der Übersetzung von Rabenmutter als ‚mère dénaturée, mauvaise mère’ im Hachette/Langenscheidt Wörterbuch (1995). Den allgemeinen theoretischen Rahmen für das Erfassen von Erfahrungen im Alltag und für die Beschreibung der entsprechenden Sprachzeichen bietet die kognitive Linguistik; Ansätze zum Vermitteln deutscher Realien sind in der interkulturellen Sprachdidaktik zu finden. Nach einer kurzen theoretischen Einleitung (Abschnitt 2), in der über unterschiedliche Konzeptualisierungs-muster in verschiedenen Sprachen und über verschiedene Motivationsgrade bei komplexen Bildungen berichtet wird, wird eine Typologie der Verständnisschwierigkeiten der untersuchten Bildungen aus Sicht französischsprachiger Lerner herausgearbeitet (Abschnitt 3). In Abschnitt 4 werden einige Lernstrategien und didaktische Methoden beschrieben, die es ermöglichen sollen, solche schwer zu verstehenden Bildungen zu erfassen und zu vermitteln.
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De Knop, S., & Gallez, F. (2007). ‘Hitzefrei’, ‘Rabenmutter’ und ‘Fremdbestimmung’: Über schwer zu übersetzende deutsche Sprachzeichen. 34. Jahrestagung des Belgischen Germanisten- und Deutschlehrerverbands (BGDV), “Varietäten der deutschen Gegenwartssprache”, Universiteit Antwerpen. https://hdl.handle.net/2078.5/190099