Heimat als emotionsbeladene (Re)konstruktion lange nach der Vertreibung: Post-Memory als unvollständiges Erbe in Sabrina Janeschs Romanen 'Katzenberge' und 'Ambra'

(2019) IV. Internationale Tagung Heimat und Gedächtnis heute. Literarische Repräsentationen von Heimat in der deutschen Literatur. — Location: Vitoria-Gasteiz (25.September.2019)

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Sabrina Janesch hat zwei wichtige Romane zur unabgeschlossenen Geschichte der Vertreibung in Osteuropa geschrieben, die in der Gegenwart ihren Ausgang nehmen und zu unterschiedlichen Resultaten in der Behandlung des Familiengedächtnisses und der mehr oder weniger erfolgreichen Vorortung der jeweiligen Protagonisten in der neuen bzw. alten Heimat führen. In Katzenberge (2010) beschreibt sie aus der Sicht der Protagonistin Nele Leipert die Begegnung zwischen verschiedenen Generationen zum Anlass der Todes des Großvaters, dessen Begräbnis mit seinen offen gebliebenen Fragen zu einer Reise Neles nach Galizien führt, der ursprünglichen Heimat des ukrainisch-polnischen Großvaters. Die Protagonistin will das Familiengedächtnis, das durch mannigfaches Schweigen unvollständig ist, rekonstruieren und stößt bei ihrer Familie auf Angst und Widerstand. Die langsame Enthüllung nicht nur des galizischen Erbes der Familie, sondern auch der Wirkungen dieses Erbes in die Gegenwart hinein, mehrheitlich in Form einer Konstruktion von Erinnerung in Konfrontation mit der wenig romantischen Gegenwart, werden durch Neles Roadtrip in den Osten, bei dem sie diese Orte der Vergangenheit aufsucht, veranschaulicht. An den Projektionen der Ängste und Traumata der verschiedenen Generationen auf die Protagonistin wird die unbewältigte und z.T. verschwiegene Vergangenheit deutlich, die erst durch die konkrete Erforschung der Postmemories der Protagonistin langsam ihre Schrecken verliert. Zu Beginn des Romans Ambra (2012) erbt die Protagonistin Kinga Mischa nach dem Tod des Vaters eine Wohnung in Danzig, die als Symbol für die verfeindeten Teile der deutsch-polnischen Familie steht, und durch die Vererbung an die deutsche Seite zu einer Versöhnung führen soll, was jedoch nicht gelingt. Kinga fährt in die Stadt am Meer, um die geerbte Wohnung zu besichtigen. Auf der Suche nach einem neuen Leben wird sie immer mehr in die Geschichte des Ortes und der Familie hineingezogen. Die einzelnen Lebensgeschichten der polnischen Seite der Familie sind ebenso problematisch und von Verletzungen geprägt wir ihre eigene. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Stadt erscheinen immer wieder die Phantome der Vergangenheit, die sich zu den Aktionen der einzelnen Protagonisten der Gegenwart in Beziehung setzen lassen. Postmemory beschreibt gemäß Marianne Hirsch die Beziehung, die die “Generation danach” zu einem persönlichen, kollektiven und kulturellen Trauma der vorhergehenden Generation hat; dieses Trauma wird durch Geschichten, Bilder, Orte etc. an die jüngere Generation weitergegeben (Hirsch, 2012), manchmal auch an die dritte Generation wie in den beiden genannten Romanen. Die Reaktivierung des Ortes als Gedächtnisraum, die emotionalen Beziehungen zwischen den Figuren und Generationen sowie die narratologische Gestaltung der Postmemories sollen hier spezifisch im Hinblick auf den jeweiligen Gedächtnisort betrachtet werden. Mein These wäre in diesem Zusammenhang, dass, vor allem im Fall von Ambra, die Postmemories oft nur noch als Ausgangspunkt für die Auseinandersetzung mit der Gegenwart da sind und dass das Zusammenspiel von Gegenwart und Vergangenheit nicht mehr hauptsächlich der Rekonstruktion von Vergangenheit und Heimat dient. Insofern lässt sich fragen, inwiefern die Konfrontation mit den Postmemories der Protagonistin noch bei ihrer Verortung bzw. Beheimatung helfen kann und ob diese nicht eher als Prozess der Trauerarbeit nach dem Tod des Großvaters bzw. des Vaters betrachtet werden sollte?
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Berger, G. (2019). Heimat als emotionsbeladene (Re)konstruktion lange nach der Vertreibung: Post-Memory als unvollständiges Erbe in Sabrina Janeschs Romanen ‘Katzenberge’ und ‘Ambra’. IV. Internationale Tagung Heimat und Gedächtnis heute. Literarische Repräsentationen von Heimat in der deutschen Literatur., Vitoria-Gasteiz. https://hdl.handle.net/2078.5/268843