Grottenfieber. Thomas Demands processo grottesco als Archiv zwischen Leidenschaft und Verstand

(2024) 37. Deutscher Kongress für Kunstgeschichte — Location: FAU Erlangen-Nürnberg (13.March.2024)

Files

abstractGrotte.pdf
  • Open Access
  • Adobe PDF
  • 38.44 KB

Details

Authors
Abstract
Im Jahr 2006 verarbeitete Thomas Demand über dreißig Tonnen Kartonage, um eine auf einer Postkarte reproduzierte Grotte in Mallorca im naturgetreuen Maßstab nachzubauen und anschließend abzufotografieren. Anders als bei seinen bisherigen Arbeiten zerstörte Demand allerdings dieses Mal das Papiermodell nicht, nachdem er es fotografisch abgebildet hatte. Im Rahmen des Projekts processo grottesco integrierte er die Pappgrotte in eine umfassende Installation, die außerdem auch sämtliche Bild- und Textdokumente beinhaltet, die der Künstler im Vorfeld der Entstehung der Arbeit gesammelt hatte, um die kulturellen, sozialen und ästhetischen Dimensionen der Grotte durch die Jahrhunderte hindurch zu erforschen. Von der griechischen Antike bis zu Batman, von Wagners Rheingold bis zu trivialen Postkarten von Eishöhlen, Gralsburgen und der Grotta Azzurra, von romantischem Höhlenkult bis zu den Tropfsteinmetamorphosen des Surrealisten Max Ernst umspannt das Spektrum die unterschiedlichsten Vorstellungen und Bilder, die sich im Laufe der Jahrhunderte sprichwörtlich in der abendländischen Kultur abgelagert haben. Der Sedimentierung des gesteinsbildenden Materials entspricht die kulturelle Sedimentierung, die im Zuge eines grotesken Prozesses (processo grottesco) ein umfassendes Archiv bildet. Im Gegensatz zu den vorwiegend medientheoretischen Ansätzen zu Demands Werk, sollen nicht Konzepte von Simulation, Medienkritik und Medientransfer im Vordergrund stehen. Vielmehr soll die Idee des Archivs mobilisiert werden, wie sie in den letzten Jahrzehnten von Autoren wie Hal Foster, Boris Groys, Jacques Derrida, Arlette Farge und Knut Ebeling theoretisiert wurde, um die Grotte als ambivalenten Ort zu begreifen, in dem Begehren und Vernunft, Erinnerung und Vergessen, konkrete Materialität und virtuelle Simulation, Kitsch und Kunst aufeinandertreffen. Demands processo grottesco kann somit im Sinne Arlette Farges als Archiv (im wörtlichen und übertragenen Sinne) verstanden werden, als ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wird „zwischen Leidenschaft und Verstand“. Das Archiv tritt hier als Grotte in Erscheinung, die Grotte als Archiv.
Affiliations

Citations

Streitberger, A. (2024). Grottenfieber. Thomas Demands processo grottesco als Archiv zwischen Leidenschaft und Verstand. 37. Deutscher Kongress für Kunstgeschichte, FAU Erlangen-Nürnberg. https://hdl.handle.net/2078.5/31785